110 Die Bucht

Die Monde schienen hell und wiesen den Weg, das Boot glitt auf milchweißem Schaum dahin, die Ruderer wiegten sich im gleichförmigen Takt, bis in der Sardar-Richtung sich ein neuer, klarer Tag ankündigte. Die Küste wurde rau und felsig, Hügel dahinter wurden sanfter, die Berge traten zurück ins dunstige Landesinnere. Die beiden Kajirae waren trotz ihrer unbequemen Lage auf dem Schiffsboden, trotz ihrer ungewissen Zukunft, eingenickt. Als sie erwachten, schien die Welt verändert, frisch und neu: Ein Aufwachen ohne die schützenden Mauern einer Stadt. Wie verwöhnt wir schon sind, dachte die Rothaarige. Es war doch noch so lange gar nicht her, da sie im Freien geschlafen hatte, damals, als Urt. Die Männer verständigten sich mit kurzen Zurufen. Es schien, als wollten sie eine Pause und Frühstück haben. Ihr Boot verankerten sie in einer flachen Bucht, sprangen einfach ins grüne Wasser und wateten an Land. Der Letzte packte in aller Gemütsruhe die beiden Mädchen um die Hüften und warf sie ins Wasser. Die plötzliche Kälte machte sie vollends munter, bis zum Kinn reichte das Wasser, sie arbeiteten sich mit den Händen rudernd an den Strand. Am Ufer wurden sie mit dem bronzefarbenen Wilden als Aufsicht zum Holzsammeln geschickt.

Der Wind roch nach Wintermoder an den niedrigen, gebeugten Bäume, deren Grün sich weitaus zaghafter vorwagte als im südlicheren Aventicum, er rührte an Erinnerungen, und selbst der träge, stetige Wellenschlag klang nach einem alten Wiegenlied. Sie ging dem Wilden nach und sog immer wieder die Luft ein. Scharf und klar war sie, man schmeckte das Salz und doch auch ein wenig Duft der ersten Blüten von Larmas und nordischen Kirschen. Der Wilde blieb an einem Platz stehen, an dem sich viel trockenes Treibholz angesammelt hatte, und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, mit dem Sammeln anzufangen. Er musterte mit schmalen Augen die Bucht, dann das Hügelland im Rücken. Plötzlich sagte er halblaut zu den Mädchen: “Alter Mann!” und wies auf den Horizont. Die Rothaarige hob den Kopf, dann stand sie langsam auf und sah in die Richtung seines Arms. Da war die Linie eines Berges zu erkennen, nicht hoch, aber markant, die wie Profil eines Greises aussah. Eine krumme Nase, die Andeutung einer Mundlinie, sogar eine schräg abwärts weisende Augenhöhle, steinerne Felsenfalten überall. Von dieser Seite hatte sie den Berg noch nie gesehen. Aber nun wurde ihr bewusst, warum dieser Berg immer nur “Großvater” genannt wurde.

Der Wilde schien fasziniert von diesem ungewöhnlichen Horizont und betrachtete ihn ausgiebig. In ihr aber schlugen Sehnsucht und Heimweh hoch wie schmerzhafte Flammen, dass es ihre Kehle verengte und ihr beinahe den Atem nahm. Sie schluckte und schluchzte einmal trocken, dann nahm sie wieder dürre Hölzer auf und ging langsam auf einen Felsen mit Gesträuch auf der Krone zu. Von dort aus, wer weiß, könnte sie vielleicht einen Blick über das Hügelland werfen. Zu ihren Linken musste es irgendwo sein, das Dorf, die Salzweide, der kleine Wald, die Plätze, die einst das Universum ihrer Kindheit beherbergt hatten. Sie drängte sich in Gesträuch, dass kleine harte Zweige sie kratzen und am Camisk rissen, warf sich gegen das Geflecht von Treibholz und Grünem, fluchte, da sie gehindert wurde. Ein halblauter Ruf aus der Kehle des Wilden brachte sie dazu, von ihrem Vorhaben abzulassen. Sie trottete zurück und musste sich resigniert eingestehen: Ich bin nichts mehr. Ein kurzes Wort, und meine Füße gehen nach dem Willen eines anderen, und nicht dorthin, wo ich einst gelebt habe. Mit meinen Eltern, meinen Geschwistern, allen Freunden und Verwandten und Nachbarn.

Wer war ich einst hier?, fragte sie sich stumm, gebückt in der Sammelarbeit. Tela, Red, Eirene, das Urt – und Chara, die Tochter. Wessen Tochter? Gesichter tauchten aus dem Nebel der Erinnerung auf. Tochter, Schwester, Cousine, Freundin, Nachbarin war ich euch, ihr Gesichter. Und dann wurde alles gelöscht, da ich Sklavin wurde. Jetzt würdet ihr mich nicht mehr erkennen, und wenn ihr mich erkennen würdet, würdet ihr beschämt leugnen, mich je gekannt zu haben. Die Gesichter wandten sich ab. Doch Chara betrachtete diese Abwendung mit weicher Trauer, ohne Hass oder Wut. Es ist so, wie es ist, sagte sie leise in die Richtung der Gestalten, die Schritt um Schritt sich von ihr entfernten. Ich werde euch immer kennen und lieben, auch wenn immer weniger Bruchstücke meines vorigen Lebens in die Erinnerung gespült werden wie dieses Treibholz. Immer wieder werde ich ein angeschwemmtes Stück aufnehmen, in der Hand halten und drehen, und werde mich an den Erlebnissen meiner Kindheit wärmen. Ich habe nichts mehr, außer – Erinnerungen. Geschichten.

Sie trugen Wurzeln und Äste auf ihren Armen zurück. Es wurden Fische über die offenen Flammen auf Stecken gespießt gegrillt, der Duft rief alle zusammen und ließ die Männerstimmen freundlicher und ruhiger klingen. Einer schenkte aus einem ledernen Schlauch Met in die Hörner, die beinahe jeder am Gürtel trug. Der am Feuer die Fische hin und wieder drehte, wandte sich zu der Rothaarigen und grinste: “Ihr bekommt auch einen Fisch. Wir haben kein Mehl für Brei dabei. Aber ihr werdet darum bitten. Es ist eine Ausnahme.” Ohne Zögern knieten sie sich vor den Koch und baten mit erhobenen Händen um eine Portion. Mit einem gönnerhaften Lächeln gab er jeder einen kleinen Fisch am Stock in die Hand und schickte sie auf die Seite. Sie drehte sich so, dass während des Essens den Berg, den man “Großvater” nannte, sehen konnte.

Sie zupften schweigend das Fischfleisch von den Gräten, immer noch zu verschüchtert von diesem abrupten Wandel, den ihr behütetes Leben erfahren hatte. Hin und wieder machte einer der Männer eine Bemerkung in diesem schwer verständlichen Dialekt des Nordens über die beiden verdrucksten Gestalten, die sie sich eingefangen hatten, und jedesmal lachte ein anderer: “Sie tauen schon auf, sie werden wie Bondmaids, ihr werdet sehen!” Hoshi flüsterte noch einmal schwach: “Das will ich nicht!” Doch ließ sie sich widerstandslos in das Boot zurücktreiben, wie die Rothaarige auch. In sich fanden sie keinen Widerstand mehr.

Das Boot nahm wieder Fahrt auf, die Laune der Männer stieg so sehr, dass sie laut und melodisch zu singen begannen. Nun spürten sie die Nähe ihrer Heimat. Noch zwei Mal Rasten, verstand sie, dann wäre man beim Eisenwall. Wo immer dieser Eisenwall war, er war ihr Schicksal.

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109 Tränen und Hoffnung

Die Bergzüge erstrahlten im Abendrot klar und geheimnisvoll, über dem Tal lag eine weihevolle Ruhe, hinter ihnen schwiegen die Türme im Höhenwind. Es war so schmerzlich, wie viel Schönheit sie hinter sich lassen mussten. Ein Mond erhob sich über die Horizontlinie, ein Stern strahlte auf und zeigte ihnen den holperigen Pfad. Am Wegesrande mahnten die Zahlen in den Steinen. Noch zwei Pasang bis zum Hafen, und dann wird die Abtrennung endgültig. Gerade jetzt, wo die Bäume blühten und die Felder das erste hoffnungsvolle Grün aufkeimen ließen, musste es geschehen. Nicht nur die Rothaarige stapfte schwermütig dem Schatten des Richters nach, auch Hoshi war sonderbar in sich gekehrt.
Wie der Richter versprochen hatte, schlugen sie nach dem Abstieg den Weg zum Gutshof ein. Die beiden Betreiber saßen auf der Bank, den Frühlingsabend genießend, im Stall machte das Vieh seine abendlichen Kaugeräusche. Aller Friede dieser Welt schien sich hier gesammelt zu haben, um sie fühlen zu lassen, was sie nun verlieren würden. Auf immer.

“Wir kommen, um euch ‘be well’ zu sagen,” sprach der Richter ernst, als sie sich erhoben hatten. “Die Kajirae sitzen sich hier die Ärsche platt, und in Rarn gibt es Arbeit für ein Dutzend von ihnen. Ich muss sie dorthin bringen.” Der Sattlermeister seufzte schwer: “Es macht betrübt, vertraute Gesichter um sich auf einmal zu missen. Ich fühle, dass es wohl so sein muss. Noch trauriger stimmt es mich, dass ich spüre: So schnell werden wir uns nicht wieder sehen.” Er und seine Freundin umarmten den Richter, dann wandten sie sich den beiden Knienden zu und zogen sie in die Höhe, um auch sie in die Arme zu nehmen. Solche empfindsamen Berührungen waren wohl beide nicht mehr gewöhnt, jedenfalls stürzten ihnen die Tränen über die Wangen. Sie sprachen leise ihre Abschiedsworte und Wünsche, und fühlten in sich nur die bohrenden Zweifel, ob es tatsächlich denn auch notwendig war, zu gehen? Der Sattler flüsterte an Telas Ohr: “Wirst du deine Belohnung verlangen? In Kasra?” Sie antwortete sehr leise: “Hat Kasra je ein Versprechen gehalten?” Er nickte und gab ihr einen liebevollen Klaps auf die Wange. Seine Freundin fand als erstes wieder zu einem Lächeln: “Ich habe etwas für euch, Hoshi und Tela.” Sie kehrte zur Bank zurück und nahm zwei aus Hanf gefertigte Reife auf, an die sie Holzperlen und Federn als Verzierung geknüpft hatte.

Sie schob den einen Ring über Hoshis Hand zum Oberarm hinauf und zupfte die Federn gerade: “Nimm den Reif und trage ihn am rechten Arm, denn du hast das Herz am rechten Fleck. Und Tela,” sie wandte sich der Rothaarigen zu, “trage du ihn am linken Arm.” Damit befestigte sie ihn an ihrem linken Oberarm, “zur Erinnerung an eure Zeit hier.” Und an meine linken Touren hier, vollendete Tela bei sich, und musste dabei an den Verrat und die Tote denken. Doch die junge Frau küsste sie einfach auf die Stirnen und mahnte: “Denkt daran, dass ihr zusammen gehört. Ihr seid aus Aventicum. Unterstützt euch gegenseitig und helft einander. Ihr könnt euch ein Stück Heimat geben in der Fremde.” Sie nickten, denn die Rührung machte das Sprechen sehr schwer. Schließlich kam vom Hafen ein Hornsignal. Der Richter drängte unerwartet sanft zum Aufbruch: “Das Schiff wird bald ablegen. Kommt.”

Sie tappten ihm nach, und auch seine Schritte waren ohne die gewohnte Entschlusskraft. Die Zauntür fiel zu, sie drehten sich immer wieder um, um noch einmal zu winken. Doch bald verschluckte die Dämmerung die Schemen des Paars, der Haus- und Scheunendächer, der Bäume ringsum. Näher und näher rückte das Geräusch der Brandung. Das Horn tutete ungeduldig zum zweiten Mal. Plötzlich blieb der Richter einfach stehen. Sie verharrten mit ihm, betrachteten ihn ratlos, als er in die Ferne zu starren schien. Hatte er es sich überlegt? Wollte er wieder umkehren? Da brach er zusammen, ohne ein Stöhnen, ohne ein Wort, und fiel auf sein Gesicht.

Sie standen noch kopflos und stumm vor Schreck, als das Horn dreimal kurz schallte. Endlich knieten sie nieder und drehten ihn auf die Seite, lauschten an seiner Brust, untersuchten seinen Kopf. Seine Nase war ein bisschen aufgeschürft, sein Herzschlag war schwach, aber sein Atem ging ruhig. Sie betteten seinen Kopf auf ihre Rucksäcke und bedeckten seinen Körper mit den Reisemänteln. Hoshi fragte nervös: “Was machen wir nun?” Die Rothaarige überspielte hastig ihr schlechtes Gewissen mit Bestimmtheit: “Ich glaube, es ist das Beste, wir bleiben mit ihm hier. Ein kleiner Schwächeanfall. Er ist ein sehr alter Mann.” “Sollen wir nicht zum Hof zurück? Hilfe holen?” Sie schüttelte den Kopf: “Das hat er schon hin und wieder mal gehabt. Gib ihm eine halbe Stunde Ruhe, dann wacht er wieder auf. Keine Sorge!”

Jetzt kam ein langgezogenes Hornsignal. Hoshi hob den Kopf und sorgte sich: “Jetzt legen sie ab. Warum warten sie nicht, verdammt noch mal? Eine von uns hätte losgehen und ihnen Bescheid geben sollen!” Tela zuckte die Schultern: “Dann geht in ein paar Tagen ein Schiff. Ich hab es nicht eilig, nach Rarn zu kommen.” “Ich auch nicht!”, meinte Hoshi. “Aber über Nacht hier draußen bleiben müssen?” “Mach dir keine Sorgen, Hoshi,” log die Rothaarige, obwohl ihr das gar nicht einfach von den Lippen ging. “Er ist bald wieder auf, dann gehen wir zum Hof und bitten um Aufnahme. Und morgen… meinem Herrn wird schon etwas einfallen, wie er von hier weg kommt.” Eine Zeit lang beobachteten sie abwartend den Aufgang des zweiten Mondes, dann schob sich auch der dritte über die Bergkette. Der Richter lag bewegungslos. Die Nacht war seltsam geräuschlos, beunruhigend still. Hoshi wollte gerade zu einer Frage ansetzen, da legte sich eine riesige Hand von hinten her auf ihren Mund. Eine dunkle kehlige Stimme befahl: “Macht Licht. Wir nehmen die Mädchen mit.”

Ein Stück glimmender Zunder entflammte eine Fackel. Sie waren von zwei bärtigen Riesen mit Speer, Schwert und Helmen und einem bartlosen Riesen mit langem schwarzen Haar, der einen Bogen auf dem Rücken trug, umringt. “Seid ihr Hrungnir? Wo ist Rom?”, fragte sie atemlos, und erntete eine schnelle, harte Ohrfeige von einem Bärtigen. “Keine Fragen. Hände auf den Rücken. Wilder, fessle sie.” Schnell waren ihnen die Hände gebunden, man hängte sie an den Collars zusammen und trieb sie zum Steg. “Der Herr!”, rief Hoshi verzweifelt und wandte den Kopf zum auf dem Boden zugedeckten Richter. Die zwei Bärtigen lachten schallend: “Für den haben wir keine Verwendung. Und jetzt har-ta! Auf das Boot!” Tatsächlich krängte da eines im matten Wellengang des Hafens, mit einem Mast und zehn Männern an den Rudern. Man stieß sie dort hinein, dass sie halb im Bilchwasser lagen, dann schnaubte einer rauh den Befehl zum Ablegen. Die Ruderer begannen ihre Arbeit. Hoshi schluchzte: “Ich will keine Bondmaid werden! Ich bin eine Kajira!” Einer der drei trat sie wortlos in die Seite, sie ächzte und wurde ruhig. Das Boot vollführte ein Wendemanöver, dann nahm es die Fahrt ins Dunkel auf.

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108 Abmarsch

Mit dem Münzmädchen zusammen räumte sie die Wohnung der Heiler und die Klinik ganz und gar aus und putzte die Räume. Im Offizin fand sie eine flache Blechdose, gerade so halb so groß wie ihr Handteller, mit rötlichem Pulver. Sie blickte sich um und ließ sie in der Tasche des Kittels verschwinden. Rechtzeitig, denn die “Münze” kam mit dem Eimer voller Schmutzwasser in den Raum geschlurft und drückte ächzend eine Hand in den Rücken. “Lieber Himmel, sind wir jetzt fertig? Ich muss sagen, meine normale Arbeit ist weniger anstrengend!” Die Rothaarige sah sich um und meinte dann: “Ich glaube, besser geht es nicht. Schließen wir ab.” Es klang hohl und leer, als die Tür des Heilerturms ins Schloss fiel. Sie kippten die Eimer von der Kranplattform in die Tiefe, setzten sich auf die Planken und betrachteten die ersten Sterne über dem Gebirgszug. Irgendwo hinter ihnen in der Festung schlug ein Fensterladen im Takt, den der Wind vorgab. Klapp, klapp-klapp, klapp. Immer wieder.

Die “Münze” begann zögernd: “Es ist leer geworden, fällt dir das auch auf? Auf einmal muss der eine auf eine Gefährtenschaftsfeier nach Venna, der andere auf einen Handel Richtung Lydius, und die Herrin aus Ar ist seit einer Hand nicht mehr gesehen worden. Nicht, dass ich sie richtig vermisse, aber irgendwie fehlt mir ihr schrilles Gezicke jetzt.” Tela konnte nur nicken. Sie meinte: “Der Berg ist nicht doch nicht geheuer. Aber vielleicht kommen sie ja bald wieder zurück.” Die andere widersprach, mit der Gelassenheit derer, die eigentlich schon aufgegeben haben: “Ich glaube nicht. Und ich habe mit Hoshi geredet. Sie träumt davon, ihren verschollenen Herrn zu suchen. Sie will Richtung Lydius aufbrechen und sich bis dahin irgendwie durchschlagen. Ich werde sie darin bestärken. Wenn sie sich entschlossen hat: Kommst du auch mit?”

Die Rothaarige sah alarmiert auf die andere, dachte lange nach und schüttelte dann den Kopf. Schließlich sagte sie nachdenklich: “Ich weiß nicht. Ich hoffe immer noch, dass meine Herrin kommt. Oder … irgendetwas passiert.” Die “Münze” gab ihr einen Stoß gegen die Schulter und grinste: “Kleiner Feigling! Komm doch mit! Unterwegs haben wir sicher jede Menge Abenteuer!” Die Rothaarige runzelte besorgt die Stirn: “Oder enden mit durchschnittenen Fersensehnen in einem Verließ. Schon vergessen, was mit flüchtigen Sklaven passiert?” Die “Münze” seufzte tief und murrte: “Ich hab keine Lust, hier wieder zuzuwachsen.” Sie nahm den Eimer auf und schlenderte in die Mauern zurück. Am Tage darauf war auch sie verschwunden.

Die Rothaarige blickte jetzt jeden Morgen, eine halbe Ahn vor Sonnenaufgang, auf den Hafen hinunter. Warum sie diese Botschaft Richtung Norden geschickt hatte, war ihr jetzt nicht mehr ganz schlüssig. Falls Rom, der Hrungnir, die Schnur auch tatsächlich bekommen hatte, würde er sich auf den Weg machen? Und wenn er hier ankam… im Moment war ihr so, als sollte sie ihn um Verzeihung bitten, dass sie ihn auf die weite Reise geschickt hatte, und ihn anflehen, sie hierzulassen. Vielleicht konnte man ihn mit ein paar Luxusgütern bestechen? Aus der Wohnung der Schriftgelehrten nahm sie eine Marmorvase mit Goldrand mit, eine Stola mit gestickten blauen Blumen auf sandfarbenem Grund, irgendwo fand sie ein Fischamulett aus dünnem Blech. Sie verwahrte alles griffbereit. Doch eines Tages brach kein Nordlandriese zum großen Tor herein, sondern im Sturmschritt der drahtige alte Richter.

Er fand sie am Brunnen, mit der Wäsche beschäftigt, und zitierte sie in sein Arbeitszimmer. Er bemängelte ihre abgetragene Kleidung: “Wie eine Bondmaid! Bist du nun eine Boskmagd oder die Kajira in einem Haushalt von hoher Kaste?” Sie zuckte unter seinen Worten zusammen wie unter Hieben, hatte alle möglichen Entschuldigungen auf den Lippen, und schluckte alle hinunter. “Es wird Zeit, dass ich mich um die Hinterlassenschaft meiner Gefährtin kümmere. Im Moment habe ich zwar keine Nachricht von ihr, aber ich bin sicher, dass sie sich in absehbarer Zeit melden wird. Ich habe nun ein Haus in Rarn bezogen, und dorthin werde ich dich und Hoshi mitnehmen. Hier habt ihr zu viel Freiheit und zu wenig zu tun.” Rarn! Es durchfuhr sie wie ein Blitz. Mochte es sein, dass Rarn für Hoshi gut war, aber für sie selbst war es definitiv der falsche Ort. Er verstand ihre sorgenvolle Miene und ihr Schweigen als Widerspruch und hieb mit der nervigen Faust auf den Tisch. “So wird es sein! Pack deine Siebensachen und sag Hoshi Bescheid! In einer Ahn geht das Schiff!”

Sie stand auf und wandte sich der Tür zu, drehte sich dann noch einmal um und fragte stockend: “Soll, soll ich Euch einen Kelch Ka-la-na bringen, mein Herr? Damit Euch das Warten nicht lang wird!” Der Alte besah sich Schriftrollen, die er eine nach der anderen in seinen blauen Kanister steckte, warf ihr über die Augengläser einen milderen Blick zu, nickte kurz und winkte sie aus dem Zimmer.
Sie lief die Stufen hinunter Richtung Taverne. Hoshi ordnete die Trinkgefäße und reichte ihr einen Kelch, als sie den verlangte. Während sie ihn mit dem roten Wein füllte, meinte sie: “Mein Herr will uns mit nach Rarn nehmen. Sollst dich bereit machen!” “Was?”, fragte Hoshi überrumpelt zurück. Die Rothaarige nickte ihr zu. “Gleich? Es ist schon Abend!”, meinte Hoshi unsicher und bedrückt. “Sein Schiff wartet unten. Pack zusammen, was du so brauchst. Und beeil dich!” Hoshi murmelte: “Das ist mir zu plötzlich. Ich will mich noch verabschieden, vom den Leuten am Gutshof wenigstens!” Die Rothaarige nahm den Kelch in beide Hände und drängte: “Wenn du schnell fertig bist mit Einpacken, ist das bestimmt noch möglich!” Das überzeugte, Hoshi rannte in ihr Quartier, und die Rothaarige suchte in ihrer Kitteltasche nach dem Tassapulver. Eine kleine Prise streute sie in den Wein, nagte zweifelnd an der Unterlippe und fügte noch eine Prise hinzu. Dann schüttete sie den Rest des Pulvers in das Feuer und warf die Dose zu den Abfällen.

Mit klopfendem Herzen servierte sie dem alten Richter den Wein. Sie verließ sein Arbeitszimmer auf Zehenspitzen, sah sich noch einmal um, und bemerkte, dass er, mit dem Blick auf seine Schriftrolle, einen tiefen Schluck nahm. Sie hetzte in die Botschaft und nahm aus der Kiste ihre beiden Camisks, schlüpfte in den einen hinein und rollte den anderen zusammen mit Arbeitskittel und Tanzseide zu einem Bündel. Die Geschenke für den Hrungnir ließ sie einfach in der Kiste. Sie konnte kaum erklären, warum sie die mitnehmen sollte. Draußen rief der Richter: “Abmarsch, Kajirae! Wo bleibt ihr?” Er stand bereits am Tor, als Hoshi auch mit ihrem Bündel sich zu ihnen gesellte. Gemeinsam baten sie den Alten noch um einen Abschied am Gutshof. Er ließ sich drauf ein. Den ganzen Weg abwwärts beobachtete sie den Alten angespannt und stumm. Er ging den Weg in normalem Tempo, ohne unsichere Schritte. War es am Ende zu wenig Pulver gewesen?

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107 Noch einmal

Die Nacht begann stumm, nur von anheimelnden Geräuschen des knackenden Feuers hin und wieder unterbrochen. Am Morgen jedoch drang vom Berg her ein Dröhnen, dass die alten Mauern vibrierten. Die Bewohner eilten nach draußen und flohen gleich wieder in die schützenden vier Wände. Staubasche bedeckte den Platz, ließ die hellgrünen Bäume ergrauen und schwamm sogar auf dem Wasserspiegel des Brunnens. “Der Vulkan!”, sagten einige Aventicer. “Als wenn wir nicht schon genug Sorgen hätten!” Doch andere winkten ab und meinten: “Das war schon öfter so. Kein Grund zur Aufregung!” Man ging zum Tagesgeschäft über. Man holte Wasser und wusch die blinden Fensterscheiben wieder klar. Den Rest würde der Regen erledigen.

Und der Frühjahrsregen setzte pünktlich ein. Er wusch das Grau von den Dächern und spülte es in schmutzigen Rinnsalen über den geneigten Platz unter die Torschwelle hinaus den Berg hinunter. Der Saat würde der mineralische Dünger zugute kommen. Alles in Ordnung! Ein paar gefangene Waldfrauen gab es wieder. Sie waren über eine Mauer geklettert und dabei von Pfeilen niedergestreckt worden. Missmutig wie Gianis, die ins Wasser gefallen waren, dösten sie im Verließ und warteten einfach ab, was geschehen würde. Da kam durch den schweren Regen einer die Serpentinenpfade herauf, mühsam hinkend. Man ließ ihn gastfreundlich ein. Bei solch einem Wetter sollte keiner unter freiem Himmel sein.

Er wollte sich nur aufwärmen, sagte er. “Ihr habt doch eine Taverne? Warmen Paga?” Alles, was er wollte, bekam er. Ach ja, ob denn eine Kajira für ihn tanzen könnte? Er wäre so lange auf See gewesen! Der Sattler betrachtete ihn sehr scharf und genau und ließ dann die Rothaarige für ihn holen. Er selbst wandte sich ohne eine Spur von Neugier ab und wieder dem Gefängnis zu, um zu überlegen, was man mit den kränkelnden Panthermädchen anfangen sollte.

Die Rothaarige betrat die Taverne und wollte dem Gast freundlich entgegenlachen, doch konnte sie kaum ihren Schreck bei seinem Anblick verhehlen. Er war so gezeichnet vom Leben. Eine Narbe verlief schräg über ein Auge, das von einem Lederdreieck verdeckt wurde, spaltete sein Lippenrot und endete irgendwo am Hemdkragen. Und sein rechtes Bein endete am Knie, wo ein geschickter Handwerker mit Riemen eine gepolsterte Halterung angebracht hatte, damit eine hölzerne Verlängerung angeschnallt werden konnte. Als sie ihm den Paga brachte, schnellte sein linker Arm unter dem Tisch hervor und hakte sich an ihrem Kittel ein. Statt einer Hand trug er eine metallene Prothese mit gekrümmter, scharfer Spitze. Langsam zog er sie näher und näher, über ihren schreckhaften Widerwillen genießerisch grinsend, und dirigierte sie so, dass sie mit dem Rücken auf seinem Schoß lag, sein zerstörtes Antlitz über ihr.

Der Haken fuhr geschickt über ihren Oberkörper und riss das Gewand auf, schlitzte den Rock und ließ sie entblößt zurück. “Beweg dich nicht!”, knurrte er und weidete sich an dem Anblick, dem angstvoll stoßenden Atmen der Kajira, dem zuckenden Schauer, den weit aufgerissenen Augen. “Beweg dich nicht, dann tut es auch nicht weh!” Sie erstarrte weisungsgemäß und wollte die Augen schließen, doch er befahl: “Schau mir in das Auge, Kleine… und dann erzähl mir alles. Wir sind hier allein. Und ich tanze mit Kajirae, wie du weißt!” Die Spitze des Hakens fuhr in einem Kreis um ihre Brüste, dann begann er, damit ihre Nippel zu necken. Breit und hämisch wurde sein Grinsen dabei.

Sie brachte stoßweise, schwitzend und bebend voller Bangigkeit ihre Sätze hervor. Dass die Heiler gegangen seien… Aha, und wohin? Sie sagten, nach Rarn, doch sicher sei das nicht. Dass es keine Söldner mehr geben würde, sei höchstwahrscheinlich, denn sie selbst habe den Abzug der “Roten Hand” gesehen. Alle aus der Festung, zwei Dekurien aus dem Umland. Langsam zog die Hakenspitze eine weiße Spur auf ihrer Haut über ihren Bauch, tauchte in ihren Nabel und spielte dann an am oberen Ende des Spalts. “Nein, bitte!”, flehte sie, doch er schüttelte den Kopf: “Schön ruhig, nicht bewegen! Nur reden! Was gibt es noch?” Sie stammelte: “Sonst weiß ich nichts, Herr. Nur der Vulkan macht manchen Sorge, andere sagen, das ist nicht der Rede wert! Und die Nordvölker sind mit der Aussaat befasst, und die Landlosen sind sehr dezimiert…” “Sehr schön!”, griente er. Sie spürte einen leichten Stich in den Kitzler und schnappte erregt, errötend und schnatternd nach Luft, aber hielt still, die Beine leicht geöffnet, die Schenkel rosig, die Mitte feucht vor Angst und Erregung. Er nahm eine Schluck und schmatzte zufrieden, dann nahm er seine Hakenhand weg. Sein gesunder Arm umfasste sie und richtete sie auf, und platzierte sie mühelos auf sein erregtes Glied. Entspannt aufseufzend lehnte er sich in dem Kissen zurück und glitt mühelos in sie, die nach all dieser Vorbereitung für ihn präpariert war wie sonst nach einem Vorspiel. “Schön langsam, ich habe Zeit!”, brummte er, und trank nebenbei, während sie sich gehorsam einbremste und sich langsam bewegte, das Becken kreisen ließ, als würde sie tanzen, wie zu einem trägen, aber aufpeitschenden Trommelrhythmus aus der Tahari. Das lange rote Haar streifte die sommersprossigen Schultern und die hellen Brüste, wenn sie den Kopf warf, und dazwischen drang wie von fern seine Stimme an ihr Ohr: “Und sonst? Was gibt es noch Neues?” “Nichts mehr sonst, Herr!”, stöhnte sie auf. Er schmunzelte und meinte: “Wirklich nicht? Denk an die Belohnung, kleiner roter Larl!” Sie sah in sein blitzendes gesundes Augen und ließ alle Hemmung fahren, bewegte sich wild und rücksichtslos. Er ließ es sich gefallen, lachte immer wieder einmal dröhnend auf und drückte schließlich mit Hilfe des Hakens ihren Oberkörper mit dem Rücken auf die Tischplatte, als er genug hatte. Einhaltgebietend meinte er: “Aufhören, Kleine. Wir machen dann oben weiter. Mich interessiert noch eines…” Sie staute keuchend ihre Enttäuschung zurück, und blickte auf ihren Bauch, wo sich der Haken in der Schnur um ihren Leib verfangen hatte. “Was ist das für ein Band?”, fragte er. Sie schluckte und sagte matt: “Eine Botenschnur, Herr.” Erinnerungen überkamen sie wie dieser plötzliche Frühjahrsregen. An den Nordmann, der die Schnur einst von seinem Speer abgewickelt und um ihre Mitte geknotet hatte. Sie sah durch das malträtierte Antlitz hindurch auf das freundliche Bartgesicht in ihren Gedankenbildern, und flüsterte: “Kommt Ihr vielleicht Richtung Norden, zu den… Hrungnir?” Er trank wieder einen Schluck und bewegte die Lippen schmatzend. “Hrungnir? Ich komme nicht direkt an sie heran. Aber ich kenne in meinem nächsten Hafen einen Händler, der mit ihnen zu tun hat. Warum?” Ihre Finger tasteten nach dem Knoten in der Schnur und zogen sie auf: “Bitte, Herr, würdet Ihr die Schnur dem Händler übergeben? Sie ist für Rom, den Hrungnir.” Er betrachtete sie kühl abschätzend: “Spionierst du für die auch?” Sie flüsterte: “Nein, Herr… er wollte sie nur irgendwann wieder bekommen. Sagte er. Bitte!”, setzte sie flehend hinzu. Er wickelte die Schnur geschickt mit einer Hand auf und meinte dann: “In Ordnung. Dann lass uns mal oben im Alkoven ausprobieren, was der Haken noch alles kann!” Mit wackeligen Beinen stand sie auf und ging vor dem Hinkenden her die Stufen hinauf.

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106 Versammlung

Sie kamen am Abend im Halbdunkel der Teestube zusammen, gedrückt und ratlos. Die Flammenschatten huschten über die ernsten Gesichter, sie murmelten zerstreut und schienen sich auf ein langdauerndes, nervtötendes Warten einzurichten. Endlich, als jeder seinen Paga vor sich stehen hatte, hob der Sattlermeister an: “Freunde, Mitbürger, Aventicer! Ihr wart heute Zeugen des Weggangs der Heiler, und viele von euch hat diese Tatsache mutlos und traurig zurückgelassen. Wie soll es nun weitergehen mit unserer Festung?” Alle richteten ihre Blicke voll auf ihn, der sich erhoben hatte und die Mienen betrachtete, in denen sich Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Trauer und Vertrauen widerspiegelte. Eine kleine Gemeinschaft, die treu sein wollte, aber auch eine Aussicht auf eine gute Zukunft brauchte.

Die Rothaarige war am Spülbecken beschäftigt und hantierte besonders leise, um nur kein Wort zu verpassen. Immer noch nicht wagte sie sich recht unter die Menschen und hielt sich abseits. Das Bedienen überließ sie den anderen Kajirae, sie hoffte einfach darauf, dass ihr Fernbleiben und unvermutetes Auftauchen nicht weiter interessant war. Der Sattler fuhr fort: “Wie ihr vielleicht bemerkt habt, bin ich kein bisschen traurig darüber, wie sich die Verhältnisse entwickelt haben.” Viele bewegten sich in unruhigem Erstaunen, dass die Gewänder raschelten. Ungerührt führte er weiter aus: “Mir liegen tatsächlich ernstzunehmende Hinweise vor, dass die Heiler versuchten, Aventicum in eine Abhängigkeit von den Cosianern zu manipulieren. Ich bin der Ansicht, dass dies nicht in eurem Interesse ist. Wir haben Ar widerstanden, wir werden uns auch von Cos nicht unterkriegen lassen.”

Zustimmendes Gemurmel überall. Einer hob seinen Becher und rief: “Auf die Priesterkönige! Auf Aventicum!” Alle taten es ihm nach. Der Rothaarigen fiel ein Stein vom Herzen. Solange die Bürger gegen einen Anschluss an Cos waren, blieb ihre Straftat ungesühnt. Sie trocknete den nächsten Becher ab und reichte ihn einer Bedienenden, diesmal mit einem befreiten Lächeln. Die verschleierte Tochter des toten Kommandanten erhob sich nun und warf ein: “Es ist ein schwerer Fehler, sich gegen das ruhmreiche Ar zu stellen, das lasst euch gesagt sein! Es werden nicht immer einfach Söldner zur Verfügung stehen, wenn eine Großmacht nach Aventicum greift. Denn was ist Aventicum schon? Eine armselige, kaum bemannte Festung mit dem Rücken zum Torvaldsland!” Ihr antwortete nur eisiges Schweigen, sie spürte reservierte und feindselige Blicke auf sich, kickte ihr Sitzkissen zur Seite und verließ mit raschen Schritten die Teestube. Als die Tür hinter ihr zu fiel, lachten einige auf.

“Wie steht es um unsere Sicherheit, Sattler?”, fragte eine Frau. “Sind noch Angriffe aus dem Torvaldsland zu erwarten? Oder von den beiden Großmächten?” Der Sattlermeister gab ein paar unbestimmte Seufzer von sich. “Ich kann dir nichts Genaues sagen, Bürgerin. Allerdings gehe ich davon aus, dass die Völker im Norden im Frühjahr, wo sie ja auch ihre Felder bestellen müssen, keine Zeit für Überfälle haben. Es gibt ein paar Landlose, aber soweit mir bekannt ist, sind sie für einen Angriff auf die Festung nicht stark genug. Und Ar und Cos: Ich gehe davon aus, dass sie sich miteinander befassen und uns in Ruhe lassen.”
“Meint Ihr nicht, Meister, dass die Heiler nun versuchen werden, Cos auf uns zu hetzen, nachdem ihr geheimer Plan offensichtlich gescheitert ist?”, fragte einer der Wachsoldaten. “Ich glaube nicht!”, versetzte der Sattlermeister. “Und zwar aus dem einfachen Grund: Wäre Cos stark genug, Aventicum zu übernehmen, hätte es dies längst getan. Das heimliche Vorgehen legt die Vermutung nahe, dass Cos’ Kräfte zu stark gebunden sind, um die Vasallenstädte militärisch unter Kontrolle zu halten. Wie schwierig das ist, haben wir miterlebt – hat nicht Kasra, selbst unter Mithilfe aus Ar, nicht immense Probleme mit uns als Vasallenstadt gehabt?” Viele lachten auf und nickten. “Cos setzt darauf, dass Städte sich freiwillig unterwerfen, weil die Bürger kriegsmüde sind, ausgelaugt vom permanenten Eroberungsgelüst Ars. Aber wir – sind wir kriegsmüde? Wollen wir, wie abgehetzte Jagdsleens, nur am Ofen hocken und unsere Ruhe haben?” “Nein!”, scholl es ihm entgegen, und die Stimmung in der Teestube stieg um etliche Wärmegrade an.

“Was ist mit den Morden, Sattler, die hier passiert sind? Gibt es Hinweise?” Die Rothaarige erstarrte in der Bewegung. Jetzt!, dachte sie nur und fühlte, wie die Muskeln, die ihren Rücken gerade hielten, nachgiebig wurden, wie ihr Kopf auf einmal über dem Spülbecken hing. Einen schier ewig dauernden Moment lang, in dem sie den Atem anhielt, bildete sie sich ein, bohrende Blicke auf sich zu spüren. Doch der Sattler nahm bedächtig den Faden auf: “Bürger, die Morde an diesem Reisenden und an Lady Luma waren beunruhigend. Doch ich ordne sie in diesen Spionage-Zusammenhang ein. Nachdem wir uns einig sind, dass Aventicum weder Cos noch Ar als Hoheit duldet, sondern, wie verwegen es auch sein mag, auf seiner Eigenständigkeit beharrt, wird es keine Morde mehr geben. Hier haben sich nur die unwillkommenen Fleers auf unseren Feldern gegenseitig die Augen ausgehackt. Ich kann nur sagen: Um so besser! Das spart uns Arbeit!”

Sie fühlte, wie in ihre Starre wieder Leben einkehrte und fuhr zwar ein wenig fahrig vor Aufregung, aber konstant mit der Abspülerei fort. Hinter ihr erschollen zustimmende Rufe, die Sklaven eilten wieder um den Tisch, um nachzuschenken. Als alle wieder zurück in ihre Wohnungen gegangen und die Stube aufgeräumt war, war sie unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte. Die Wohnung des alten Richters lag dort beim Tor, kalt und leer, und da auf der anderen Seite die Botschaft, in der gleichfalls kein Feuer brannte. Trotzdem ging sie hinein und schürte den Kamin an. Hier gehöre ich her, bestimmte sie für sich. Als die Flammen hochflackerten, betrachtete sie das Portrait ihrer Herrin an der Wand voller Wehmut. Eine Weile wollte sie sich noch draußen herumtreiben, bis es in der Botschaft richtig warm geworden war, entschied sie sich, und stieg die Leitern hoch zum Ausblickspunkt über den Hafen.

Dort stand Hoshi, die Hände auf die Zinnen gelegt, und schien dem Wellenschlag weit unten am Strand zu lauschen. Tela näherte sich ihr freundlich, wollte sie eben ansprechen, als sie im Sternenlicht auf Hoshis Wangen Tränenspuren glänzen sah. Natürlich. Hoshi’s Herr war nun schon lange fort, und an diesem Tag hatte sie auch ihre Herrin verloren. Denn die abgemagerte Schreiberin, rechts und links von den Heilern gestützt, hatte mit diesen zusammen die Festung verlassen. Sie hatten verlauten lassen, dass sie nach Rarn ziehen würden.

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105 Zuhause

Die Sonne nahm ihre Bahn, strebte dem Zenit zu und gab den Festungsmauern einen warmen heimatlich-milden Glanz. Ein paar Rauchsäulen hoben sich, gaben dem Druck des Gezeitenwindes nach, der alte Tarn rastete, Hoshis kleines Gesicht war von den Zinnen verschwunden – man gab sich dem Tagesrhythmus hin, der jetzt gerade befahl, dass Essen gekocht würde. Sie stand am Wege hoch zur Festung und fühlte, wie die Mauern gütig lockten. Was immer man dir vorwirft, schienen die Luftströme zu flüstern, es ist doch dein Zuhause. Geh einfach und stell dich deinem Schicksal. Wenn es streng mit dir umgeht, bitte um Gnade. Wenn es keine Gnade geben soll, dann flehe um einen leichten schnellen Tod. Und wer weiß? Vielleicht ist sie ja schon eingetroffen, deine Beschützerin, deine Aufgabe, deine Fürsprecherin, deine Festung in schweren Zeiten. Wenn sie vielleicht schon da ist – wer wird es wagen, dich ihr zu entreißen, wenn du dich an ihren Rock schmiegst und ihre Knie umfasst, um nicht wieder loszulassen?

Und so ging sie den sich windenden Pfad hinauf, zwischen zittriger Hoffnung und zehrender Angst, aber in der klaren Gewissheit, dass einen anderen Weg nicht geben würde. Als das Tor in Sichtweite kam, hielt sie inne und beobachtete es. Würde der Wachposten schon den Auftrag haben, sie festzunehmen? Das macht nichts!, ermahnte sie sich. Ich komme in den Sklavenkerker, Aly oder Hoshi bringen mir zu essen, ich kann mich ausruhen und überlegen, mir eine Verteidigung aufbauen. Und vielleicht ist sie ja auch schon da?

Zögerlich bediente sie den Klopfer. Der Wachhabende öffnete, musterte sie stumm, nickte dann und packte ihren Oberarm, sie hineinziehend. Jetzt nimmt er mich fest, dachte sie noch, da zog er sie eng an sich und murmelte an ihrem Ohr: “Mach, dass du in die Taverne kommst, und da bleibst du einstweilen. Verstanden?” Mit allem hätte sie nun gerechnet, auf so vieles war sie gefasst gewesen, aber nicht darauf. Er ließ sie los, gab ihr noch einen kleinen Schubs in die Richtung.

Langsam und zögerlich nahmen ihre Füße den gewohnten Pfad auf. Aus den Augenwinkeln nahm sie gerade wahr, wie sich die Tür zum Appartement des Heilers öffnete. Die weiten wehenden grünen Röcke fegten über die Abwärtsstufen, das Baby gab unsinnig-belustigte Laute von sich und wies auf die Blätter der Bäume auf dem Platz, zartes Grün, das das Sonnenlicht auffing und blinkernd reflektierte. In ihr bellte es “Alarm!” – und sie verzog sich hektisch in die Taverne. Hier würde die Ärztin kaum freiwillig hineingehen.

Hoshi war dabei, einen Krug mit Paga zu füllen, wohl für den Wachhabenden, und registrierte beiläufig ihre Anwesenheit. Sie lächelten einander zu, die Rothaarige begann, die Kissen um die Tische zurechtzurücken. Es ist, als wäre ich nie fortgewesen, dachte sie bei sich, und holte Eimer und Wischlappen, um die Tische von den klebrigen Ringen zu befreien, die die Pagabecher hinterlassen hatten. Niemand scheint etwas gegen mich zu haben. Vielleicht bilde ich mir nur ein, vielleicht bin ich einer Falschinformation aufgesessen? Vielleicht war es nur ein böser Traum, dass ich mit Tomris zusammen diese Frau von der Plattform gestürzt habe? Wie war nur ihr Name gleich? Luma. Richtig. Doch wurde nicht einst ihr Tod beklagt? Es gab die Leiche, und sie war untersucht worden. Und die Manipulation der Rothaarigen war entdeckt worden. Wer würde sich berufen und gedrängt fühlen, Gerechtigkeit walten zu lassen?

Doch es blieb alles ruhig und alltäglich. Das Münzmädchen kam herein und richtete aus: “Ihr sollte was Anständiges zubereiten für die Schreiberin. Etwas ohne Milch, ein leichtes Fleischgericht und Gemüse, gut gewürzt, sagt die Heilerin. Die Schreiberin soll nicht noch mehr abnehmen. Wenn ihr mich fragt: Verlorene Liebesmüh! Die Frau will einfach nur dahinwelken!” Die Rothaarige blickte auf und pflichtete dem Münzmädchen bei, während sie fühlte, wie viel zurückgestauter Ärger in ihr hochbrandete: “Ich habe so leckere Sachen zubereitet, selbst in der Zeit, da es hier kaum etwas gab! Und sie hat es den Tag lang stehen lassen und dann zurück geschickt. Andere haben wegen ihr den Gürtel enger schnallen müssen, aber sie machte auf magersüchtig. Wie mich das genervt hat! Von mir aus kann sie in die Staubstädte hinübergehen, sie will es ja nicht anders.” Hoshi nahm beide ins Visier und stemmte eine Hand in die runde Hüfte. Unübersehbar setzte sie zu einer Predigt über Respekt an. Doch da verdunkelte sich der Eingang, hinter dem grünen Schleier stieß die Ärztin nur hervor: “Interessant, was man hier so denkt. Ihr solltet euch schämen. Diese Stadt hat keine Zukunft mehr. Aber nicht wegen des Berges – sondern weil hier niemand mehr weiß, was sich gehört, die Freien nicht, die Sklaven nicht!” Sie wandte sich schwungvoll ab, durch den Eingang fiel wieder das Tageslicht, und die Rothaarige und das Münzmädchen sahen sich stumm entsetzt an.

Hoshi seufzte und meinte resigniert: “Bravo, ihr beiden. Wenn ihr nur mal überlegen würdet, wer eure Sünden ausbaden muss!” Sie betrachtete den Krug, der sich unter dem Hahn langsam füllte und murmelte: “Es gab eine Auseinandersetzung zwischen den Heilern und dem Rat der Bürger. Seit die “Rote Hand” abzog, sind alle ziellos und uneins.” “Und was ist mit dem Berg, Hoshi?”, fragte die Rothaarige mit klopfendem Herzen. Hoshi wandte sich wieder dem Pagafass zu und drehte den Hahn dicht, bis er knirschte: “Was soll mit dem Berg sein? Die Heiler meinen zwar, er bricht wieder aus. Aber die anderen Bürger sind der Ansicht: Der Berg grummelt immer mal. Man sollte da nicht übertrieben reagieren. Dass es hin und an kleine Erdbeben gab, besonders im Frühjahr, das war schon immer so!” Sie ging mit lebhaften Schritten dem Wachturm zu, den Krug in der Hand.

Die Rothaarige wandte sich dem Münzmädchen zu und befragte sie leise: “Gibt es sonst Neuigkeiten?” Die legte den Kopf schief und schien zu grübeln: “Man hat sich gefragt, wo du abgeblieben bist, und dich in Rarn beim Richter vermutet. Aber zu weiteren Nachforschungen hatte niemand Zeit. Alle fragten sich eher, in welche Richtung es weiter gehen soll. Ob die Stadt eigenständig bleibt, ob sie sich Cos anschließt. Was uns ja egal sein kann!”

Mir wäre es nun ganz und gar nicht egal, dachte die Rothaarige und half dem Münzmädchen mit dem Abwasch. Der Anschluss an Cos würde nur bedeuten, dass ich entgültig ausgeliefert bin. Vielleicht bin ich es schon, und sie lassen mich nur ein bisschen hoffen und schmoren, um plötzlich, wenn ich mich schon gänzlich sicher wähne, die Stahlfesseln zuschnappen zu lassen, so beiläufig, wie man einen täppischen vertrauensvollen kleinen Vogel mit der Hand fängt, der sich mit Brotkrumen am Fensterbrett befasst, insgeheim das gütige Schicksal preisend, welches gerade, als der Hunger am größten ist, solch ein Festmahl bereit hält.

Draußen tat sich etwas. Sie eilten beide zum Eingang und lugten um die Ecke. Aus dem Heilerhaus wurden in einem ständigen Treppauf-treppab Teile der Einrichtung geschleppt und auf einen Wagen gehievt.

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104 Exodus

Sie ging leise rufend um das Gehöft, führte ein paar Verrs, die Zutrauen fassten, wieder in die Einfriedung, und musste feststellen, dass keine Menschenseele in der Nähe war. Sie nutzte die Zeit für ein Bad. Das Wasser in der Holzwanne im Hof war bald trüb und grau vom Staub. Ein paar Schürfstellen brannten, aber sonst hatte sie das Abenteuer gut überstanden. Wenn der Berg wieder ruhig wurde, sollte sie auch wieder ruhig werden können, sagte sie sich.

Sie hockte auf den Steinen nahe dem Teich, wo sie ihre Kleider gewaschen hatte. Die flatterten nun trocknend an der Leine im Wind, sie nahm die Wasseroberfläche als Spiegel und kämmte mit den Fingern das noch feuchte Haar durch. Es war ein schöner, sonniger Frühlingstag nun, sie sah zur Festung hoch und überlegte, ob die zehn Tage En’Kara-Feierlichkeiten schon vorbei waren, ob man schon Kajuralia hinter sich hatte? Die Sehnsucht war groß, wieder dort oben unter den Menschen zu sein. Sie gestand sich jedoch ein, dass selbst das Verweilen im Gehöft eigentlich zu gefährlich war für eine, die mit einer Überführung zur Mörderin rechnen musste. In ihre Bedrückung schlich sich eine freundliche Erinnerung. Der Sattlermeister. Sie konnte sich noch kaum vorstellen, dass er etwas gegen sie unternehmen würde. Eigentlich reichte es bei ihm, wenn eine Kajira ihr Oberteil tiefer rutschen ließ – dann hatte er nur noch eines im Sinn. Doch hier ging es um das Gesetz. Bei seiner Arbeit war der Sattler auch penibel und zielbewusst. In Sachen des inneren Friedens seines Heimsteins würde er sich auch kaum vom Blick auf kleine weiße Brüste ablenken lassen.

“Ich muss sehen, dass ich irgendwie von hier weg komme!”, ermahnte sie sich. Wenn auch eine einsame, ziellose Wanderung schwer zu ertragen war, so war sie doch ein geringer Preis für einen möglichen qualvollen Tod. “Ich wüsste nur zu gern, ob meine Herrin vielleicht wieder eingetroffen ist,” dachte sie und suchte mit zusammengekniffenen Augen die Mauerkrone dort oben an der Festung ab. Ein winziger Kopf war sichtbar, braunes, lockiges Haar wehte im Wind. Das könnte Hoshi sein, die immer von der Osteecke der Festung aus Ausschau hielt, die Rückkehr ihres verschwundenen Herrn erhoffend. Es schmerzte, sie zu sehen, aber sie nicht rufen zu können. Sie wandte sich ihren Sachen zu. Das meiste war nun trocken, sie zog sich an. In einer Rocktasche fand sie gerollt und geknickt das Pergamentstück, das sie vor der Verwendung am künstlichen Tarn gerettet hatte. Die Handschrift ihrer Herrin… Mit dem Zeigefinger fuhr sie die schön geschwungenen Buchstaben nach: “Das zweite Wissen aber bleibt den höheren Kasten vorbehalten,” stand da. Was immer das heißen mochte. Schade, das jetzt kein aktueller Ratschlag zu lesen war. So etwas wie “Tue das, tue dies, und du wirst glücklich werden.”

Etwa 100 Schritt vom Hofe entfernt zog eine wandernde Urt-Horde vorbei. Sie hatten sich wohl am Fuß des Berges gesammelt. Ein Meer schwankender graubrauner Rücken, hin und wieder pfiff das Leittier schrill. Sie bewegten sich zur gegenüberliegenden Seite des Tümpels und tranken, einige hoben hin und wieder die Schnauzen und fletschten die spitzen Zähne in ihre Richtung. Doch dann zogen sie friedlich-geschäftig weiter in Richtung Thassa, wo es am Strand sicher Nahrung für sie gab, verendete Fische, Muscheln und Tang. Sie wollte sich gerade wieder ihren verworrenen Plänen widmen, als mit einigem Abstand zur Urt-Horde auf Händen und Füßen flink eine weitere Kreatur gekrochen kam. “Iiiks!”, rief sie, ihr Herz machte einen Freudensprung. “Iiiks!” Der Angerufene hob den Kopf, doch sein kleines Gesicht verzog sich in Abwehr. Er lugte der Herde nach und beugte sich nieder, um sich sattzutrinken. Sie umrundete rasch den Tümpel und näherte sich ihm trotzdem.

Einen Sprung von ihm entfernt war sie nun, da wandte er sich ihr zu und hob die Hände. “Nicht weiter, nicht weiter!”, fiepste er mit ängstlich verzerrter Miene. Sie verwunderte sich: “Iiiks, warum? Ich tu dir doch nichts!” Seine Spinnenfinger wiesen in die Richtung der sich entfernenden Urtrücken. Sie begriff immer noch nicht, aber verharrte auf der Stelle. Iiiks schien mühsam nach Worten zu suchen. Schließlich brachte er stockend hervor: “Iiiks geht mit der Herde. Doch Iiiks riecht noch nach Mensch. Nicht näher!” Endlich begriff sie. Er war dabei, die Geruchsspuren, die seine Gemeinschaft mit Menschen hinterlassen hatte, abzulegen, um wieder ungestört und unauffällig in der Herde leben zu können. Ihre Nähe würde ihn wohl zurückwerfen. So blieb sie stehen und befragte ihn nur: “Wo ist Daidalos? Torm?” Seine spitze Nase wandte sich dem Berg zu, seine Knopfaugen funkelten wie in Tränen, dann murmelte er: “Nicht mehr da. Auch kein Tarn mehr. Iiiks nicht fliegen.” Seine Finger streiften durch das Gras, über das die Urts gelaufen waren, und rieben über seinen Oberkörper.

Etwas schien ihn noch umzutreiben. Er vergaß seine Vorsicht und kam auf allen Vieren näher, nahm einen Stein und malte einen Kreis in einen sandigen Fleck vor ihren Füßen. Er flüsterte: “Lar-Torvis.” Sie nickte. Die Sonne war der runde Kreis. Dann malte er rechts davon einen kleinen Kreis: “Gor.” Sie runzelte die Stirn, nickte aber dann. Irgendwo war da mal eine Randnotiz gewesen, dass erzählt wurde, dass Gor keine flache Ebene sei. Es hatte etwas mit dem Anblick von Schiffen zu tun. Wenn bei gutem Wetter ein Schiff am Horizont auftauchte, sah man zuerst die Mastspitzen, dann die Segel, dann den Schiffskörper. Als wenn das Schiff über einen Hügel hinauf fahren müsste. Das hatte schlichte Menschen wie Schiffshandwerker und Seeleute auf den Gedanken gebracht, dass Gor keine Fläche sein konnte. Was als Fläche erschien, war eine gewaltige Krümmung. Vielleicht wie bei einer Kugel? Aber niemand diskutierte solches laut. Jetzt malte Iiiks einen ebenso kleinen Kreis auf die gegenüberliegende Seite und sagte bedeutsam: “Erd. Daher war Torm. Und Barbaren.” Dann ließ er den Stein liegen und wandte sich abrupt ab, kroch auf allen Vieren los und folgte der Spur der Herde, die er sich zu seiner Familie erkoren hatte.

Sie blickte seiner gekrümmten Gestalt nach und murmelte bitter: “Verlass mich nur. Hauptsache, du hast Gesellschaft.” Als die Herde und ihr kleiner halbmenschlicher Folger hinter den Hügeln und Felsen an der Thassa verschwunden waren, besah sie die Zeichnung noch einmal und verwischte sie dann mit dem Fuß. Später dachte sie öfter, dass sie wohl ein Abschiedsgeschenk hätte sein sollen. Iiiks hatte ihr etwas Persönliches, Wichtiges geben wollen, doch sie konnte mit dieser Gabe rein gar nichts anfangen. Ihre Finger schlossen sich fest um das Pergament, das sie zu einem kleinen Röllchen gedreht hatte, wie um einen Talisman.

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