Die Monde schienen hell und wiesen den Weg, das Boot glitt auf milchweißem Schaum dahin, die Ruderer wiegten sich im gleichförmigen Takt, bis in der Sardar-Richtung sich ein neuer, klarer Tag ankündigte. Die Küste wurde rau und felsig, Hügel dahinter wurden sanfter, die Berge traten zurück ins dunstige Landesinnere. Die beiden Kajirae waren trotz ihrer unbequemen Lage auf dem Schiffsboden, trotz ihrer ungewissen Zukunft, eingenickt. Als sie erwachten, schien die Welt verändert, frisch und neu: Ein Aufwachen ohne die schützenden Mauern einer Stadt. Wie verwöhnt wir schon sind, dachte die Rothaarige. Es war doch noch so lange gar nicht her, da sie im Freien geschlafen hatte, damals, als Urt. Die Männer verständigten sich mit kurzen Zurufen. Es schien, als wollten sie eine Pause und Frühstück haben. Ihr Boot verankerten sie in einer flachen Bucht, sprangen einfach ins grüne Wasser und wateten an Land. Der Letzte packte in aller Gemütsruhe die beiden Mädchen um die Hüften und warf sie ins Wasser. Die plötzliche Kälte machte sie vollends munter, bis zum Kinn reichte das Wasser, sie arbeiteten sich mit den Händen rudernd an den Strand. Am Ufer wurden sie mit dem bronzefarbenen Wilden als Aufsicht zum Holzsammeln geschickt.
Der Wind roch nach Wintermoder an den niedrigen, gebeugten Bäume, deren Grün sich weitaus zaghafter vorwagte als im südlicheren Aventicum, er rührte an Erinnerungen, und selbst der träge, stetige Wellenschlag klang nach einem alten Wiegenlied. Sie ging dem Wilden nach und sog immer wieder die Luft ein. Scharf und klar war sie, man schmeckte das Salz und doch auch ein wenig Duft der ersten Blüten von Larmas und nordischen Kirschen. Der Wilde blieb an einem Platz stehen, an dem sich viel trockenes Treibholz angesammelt hatte, und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, mit dem Sammeln anzufangen. Er musterte mit schmalen Augen die Bucht, dann das Hügelland im Rücken. Plötzlich sagte er halblaut zu den Mädchen: “Alter Mann!” und wies auf den Horizont. Die Rothaarige hob den Kopf, dann stand sie langsam auf und sah in die Richtung seines Arms. Da war die Linie eines Berges zu erkennen, nicht hoch, aber markant, die wie Profil eines Greises aussah. Eine krumme Nase, die Andeutung einer Mundlinie, sogar eine schräg abwärts weisende Augenhöhle, steinerne Felsenfalten überall. Von dieser Seite hatte sie den Berg noch nie gesehen. Aber nun wurde ihr bewusst, warum dieser Berg immer nur “Großvater” genannt wurde.
Der Wilde schien fasziniert von diesem ungewöhnlichen Horizont und betrachtete ihn ausgiebig. In ihr aber schlugen Sehnsucht und Heimweh hoch wie schmerzhafte Flammen, dass es ihre Kehle verengte und ihr beinahe den Atem nahm. Sie schluckte und schluchzte einmal trocken, dann nahm sie wieder dürre Hölzer auf und ging langsam auf einen Felsen mit Gesträuch auf der Krone zu. Von dort aus, wer weiß, könnte sie vielleicht einen Blick über das Hügelland werfen. Zu ihren Linken musste es irgendwo sein, das Dorf, die Salzweide, der kleine Wald, die Plätze, die einst das Universum ihrer Kindheit beherbergt hatten. Sie drängte sich in Gesträuch, dass kleine harte Zweige sie kratzen und am Camisk rissen, warf sich gegen das Geflecht von Treibholz und Grünem, fluchte, da sie gehindert wurde. Ein halblauter Ruf aus der Kehle des Wilden brachte sie dazu, von ihrem Vorhaben abzulassen. Sie trottete zurück und musste sich resigniert eingestehen: Ich bin nichts mehr. Ein kurzes Wort, und meine Füße gehen nach dem Willen eines anderen, und nicht dorthin, wo ich einst gelebt habe. Mit meinen Eltern, meinen Geschwistern, allen Freunden und Verwandten und Nachbarn.
Wer war ich einst hier?, fragte sie sich stumm, gebückt in der Sammelarbeit. Tela, Red, Eirene, das Urt – und Chara, die Tochter. Wessen Tochter? Gesichter tauchten aus dem Nebel der Erinnerung auf. Tochter, Schwester, Cousine, Freundin, Nachbarin war ich euch, ihr Gesichter. Und dann wurde alles gelöscht, da ich Sklavin wurde. Jetzt würdet ihr mich nicht mehr erkennen, und wenn ihr mich erkennen würdet, würdet ihr beschämt leugnen, mich je gekannt zu haben. Die Gesichter wandten sich ab. Doch Chara betrachtete diese Abwendung mit weicher Trauer, ohne Hass oder Wut. Es ist so, wie es ist, sagte sie leise in die Richtung der Gestalten, die Schritt um Schritt sich von ihr entfernten. Ich werde euch immer kennen und lieben, auch wenn immer weniger Bruchstücke meines vorigen Lebens in die Erinnerung gespült werden wie dieses Treibholz. Immer wieder werde ich ein angeschwemmtes Stück aufnehmen, in der Hand halten und drehen, und werde mich an den Erlebnissen meiner Kindheit wärmen. Ich habe nichts mehr, außer – Erinnerungen. Geschichten.
Sie trugen Wurzeln und Äste auf ihren Armen zurück. Es wurden Fische über die offenen Flammen auf Stecken gespießt gegrillt, der Duft rief alle zusammen und ließ die Männerstimmen freundlicher und ruhiger klingen. Einer schenkte aus einem ledernen Schlauch Met in die Hörner, die beinahe jeder am Gürtel trug. Der am Feuer die Fische hin und wieder drehte, wandte sich zu der Rothaarigen und grinste: “Ihr bekommt auch einen Fisch. Wir haben kein Mehl für Brei dabei. Aber ihr werdet darum bitten. Es ist eine Ausnahme.” Ohne Zögern knieten sie sich vor den Koch und baten mit erhobenen Händen um eine Portion. Mit einem gönnerhaften Lächeln gab er jeder einen kleinen Fisch am Stock in die Hand und schickte sie auf die Seite. Sie drehte sich so, dass während des Essens den Berg, den man “Großvater” nannte, sehen konnte.
Sie zupften schweigend das Fischfleisch von den Gräten, immer noch zu verschüchtert von diesem abrupten Wandel, den ihr behütetes Leben erfahren hatte. Hin und wieder machte einer der Männer eine Bemerkung in diesem schwer verständlichen Dialekt des Nordens über die beiden verdrucksten Gestalten, die sie sich eingefangen hatten, und jedesmal lachte ein anderer: “Sie tauen schon auf, sie werden wie Bondmaids, ihr werdet sehen!” Hoshi flüsterte noch einmal schwach: “Das will ich nicht!” Doch ließ sie sich widerstandslos in das Boot zurücktreiben, wie die Rothaarige auch. In sich fanden sie keinen Widerstand mehr.
Das Boot nahm wieder Fahrt auf, die Laune der Männer stieg so sehr, dass sie laut und melodisch zu singen begannen. Nun spürten sie die Nähe ihrer Heimat. Noch zwei Mal Rasten, verstand sie, dann wäre man beim Eisenwall. Wo immer dieser Eisenwall war, er war ihr Schicksal.